Pfingstfest – immaterielles UNESCO Weltkulturerbe

Im Mansfelder Land, im Dreieck Sangerhausen, Eisleben und Hettstedt, also in Sachsen-Anhalt in der Mitte Deutschlands gelegen, gibt es ein kleines, abgelegenes und verwunschenes Tal. Die Menschen nennen es ehrfürchtig „Mansfelder Grund“. Hier reihen sich die Orte Kreisfeld, Hergisdorf, Ahlsdorf und Ziegelrode wie an einer Perlenschnur aneinander.
Dort wird seit Jahrhunderten ein merkwürdiger Brauch gepflegt, der dazu dienen soll den Winter zu vertreiben und den Frühling zu begrüßen. Da wird der Winter ausgepeischt damit er sich endlich davonschleicht und der Frühling herzlich und mit vieeel Alkohol und vielerlei anderen merkwürdigen Aktionen begrüßt. Es soll ja schließlich richtig warm werden nach diesem kalten Winter! Nach dem Wintersterben das jauchzende Frühlingsauferstehen. „Läufer“ und „Dreckschweine“ geben ihr Bestes.
Es ist ein Brauch der seinesgleichen nicht in Deutschland, nicht in Europa und auch nicht auf der übrigen Welt findet.
Echt ein Geheimtip.
Nicht die „Osterreiter“ in der Lausitz oder der „Sommergewinn der Frau Sunna“ in Eisenach können da mithalten.
Jedes Jahr zu Pfingsten wird es also in diesem fast vergessenen Tal lebendig und die Menschen sind ausgelassen, daß es nur so eine Art hat.
Es gibt deshalb in jedem Ort seit ca. 200 Jahren Pfingstvereine die diesen Brauch bewahren wollen.
Es gab auch Zeiten in den 50er bis 90er Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts da sprang eine kleine Fotografin namens Charlotte, genannt Lottchen wie ein Floh durch die Menschenmenge und klickte mit ihrer Kamera so manches Foto und bewahrte damit so manche Begebenheit vor dem Vergessen.

Bereits am 19.05.1934 berichtete die „Sangerhäuser Zeitung“ unter der Überschrift „Pfingstbräuche in Ahlsdorf“:
Den Pfingstvolksspielen (man beachte die Mächtigkeit dieses Wortes) der Mansfelder Grunddörfer wird von weit und breit her lebhafte Beachtung entgegengebracht. Die festorganisierte Pfingstgesellschaft bestand in diesem Jahre aus 65 Pfingstburschen, die alljährlich erneuert werden. Ein Stamm von älteren, verheirateten Pfingstburschen nimmt die Leitung der Vorbereitungen in die Hand. Damit ist die Erhaltung geschichtlich gewordener Momente gewährleistet. Am letzten Sonnabend vor Pfingsten zog die 65 Mann starke Ahlsdorfer Pfingstgesellschaft in Gruppenkolonne in Wildwestkleidung, voran die Eisleber Bergkapelle, mit Sang und Klang zum Dorfe hinaus. Unter der (….) Führung des Ortsgruppenleiters marschierte der Zug zum Walde, um einige Fuhren Maienbäume zu verladen.
Um Mittag herum hielten die Maienbäume ihren Einzug ins Dorf. Die ganze Dorfjugend war auf den Beinen. Denn nun ging das Austragen der Maien los. Quer über die Hauptstraße von Ahlsdorf waren große Plakate gehängt, welche zur Waldpartie einluden, die am 3. Feiertag stattfinden sollte. Verschlafen noch vom Pfingsttanz des 2. Feiertages krabbelte alles schon nach 6 Uhr aus den Betten. Die vier Läufer, den Frühling verkörpernd, sorgten dafür, daß auch die letzten Saumseligen sich auf der Grunddorfstraße am Dippelsbache zum Abmarsch bereithielten. Die verrußten, greulichen Spukgestalten der Pfingstburschen, welche die lebensfeindlichen Mächte des nordischen Winters vorstellen, wurden aus den Schlupfwinkeln der Häuser und Höfe herausgepeitscht. Inzwischen hatten Geschäftsleute aus der ganzen Umgegend die Straße an der Kaisereiche im Walde durch 54 Verkaufsstände in einen richtigen Jahrmarkt verwandelt. Die Grunddörfer sind selbstverständlich am meisten vertreten. Zuschauer kamen von weit und breit.
Die Pfingstgesellschaften von Ahlsdorf, Hergisdorf und Kreisfeld hatten hier zwischen Kaisereiche und Waldrand ihre Lagerplätze. Während die Hergisdörfer das Hauptgewicht ihres Spieles auf die „Dreckschweine“ legen, liefert Ahlsdorf ein langes Programm für Volksbelustigung. Und dann ging’s auf den Tanzsaal unter die alte Dorflinde. Da haben die Pfingstburschen als Pfingsttänzer ihren Mann zu stehen. Keiner darf sich auf dem Saal des Nachbardorfes erwischen lassen, das kostet wieder 3 Mark Strafe. Auf dem Ahlsdorfer Tanzplatz herrschte das meiste Leben, wenngleich der Ziegelröder in seiner feenhaften Beleuchtung einen Vorsprung hatte. Da Ahlsdorf außerdem an der großen Verkehrsstraße liegt, waren da auch die meisten fremden Zuschauer im Gewimmel.

Eines Tages hörte man auch im fernen Paris bei der großen und mächtigen Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur mit gewaltigem Staunen von diesen merkwürdigen Geschehnissen in diesem einsamen Tal und so begab es sich, daß man diesen erhaltenswerten Brauch in die Liste des immateriellen UNESCO Weltkulturerbes aufnahm, damit die ganze Welt sich darüber freuen und anteilnehmen möge.

Nun noch eine kleine Filmsequenz von Charlotte und Ernst Fügemann aus dem Jahre 1963 denn bewegte Bilder beeindrucken mehr als Fotos. Auch politische Themen wurden, wie jedes Jahr, thematisiert.
1963 wurde gegen die Abwicklung der DDR-Fluggesellschaft „Deutsche Lufthansa“ Stellung bezogen indem im Umzug am Pfingstmontag einige „Flugobjekte“ gezeigt wurden.
Aufgrund westdeutscher Proteste war die Abwicklung notwendig. Danach übernahm die bereits bestehende „Interflug“ alle Flugdienste in der DDR.

Die gewaltigen „Pfingstvolksspiele“ sind es heute nicht mehr. Heute nennt man es weniger pathetisch „Pfingsttanz“ oder „Dreckschweinfest“.

Jetzt aber viel Spaß beim Betrachten dieses historischen Streifens wünscht euch Volker Hornung.